6:40 Uhr Ich schaue aus dem Fenster und bekomme den Mund kaum wieder zu: blauer Himmel ohne eine einzige Wolke. Das Haus ist sehr einfach. Die Gemeinschaftstoilette ist eine Etage tiefer und die Gemeinschaftsdusche, die mit Münzeinwurf betrieben wird, zwei Etagen. Im Zimmerpreis ist eine Duschmünze enthalten und ich hatte mir gestern gleich eine zweite für heute morgen besorgt. Sechs Minuten Erfrischung kommen gleich auf mich zu. Ich bin gegen Mitternacht ins Bett gekommen und habe nicht besonders gut geschlafen, weil meine Hüfte zwickt. Ich merke, dass ich in den letzten drei Nächten zu wenig Schlaf hatte. Heute ab Zwolle wird sich das ändern! Niederländische Unterkünfte sind teuer. Selbst „Bed and Breakfast“ kostet oft über 60 Euro. Die Unterkunft „Pension de Tamboer“ hat vier Vorteile und zwar den Übernachtungspreis in Höhe von 33 Euro (Ü/F), das große Zimmer, den Aufenthaltsraum/Frühstücksraum und die Lage. Die Pension liegt im Osten der Stadt, gleich wenn man von Achterhoek reinfährt. So fahre ich nicht durch die Innenstadt , um mich Richtung Zwolle zu orientieren. Falls jemand meine Tour nachfahren möchte (oder einzelne Etappen) und in Arnhem eine Übernachtung sucht, sollte ihm bei dieser Pension klar sein, dass sie sehr einfach ist.
7:30 Uhr Das Frühstück ist gut, Wurst, Käse, Ei und Marmelade, sowie Kaffee satt!!
Ich werde häufig auf meinen Solidaritätsteddy angesprochen, den ich auf die lange Reise mitgenommen habe. Gestern in Borne und heute in Arnhem wollen die Leute kaum glauben, was bei den Deutschen (Betonwerk Westerwelle) so alles möglich ist. Wenn ich das gestern richtig verstanden habe, gibt es in den Niederlanden flächendeckend in allen Branchen Mindestlöhne. Das politische Argument, dass Mindestlöhne in allen Branchen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkt negativ beeinflussen, kann ich so nicht nachvollziehen. Warum sollte bei uns nicht möglich sein, was bei unseren Nachbarn selbstverständlich ist. Jede Gemeinschaft muss sich daran messen lassen, wie es um die soziale Gerechtigkeit bestellt ist.
12:30 Uhr Das geht ja gar nicht. Heute läuft aber auch absolut nichts. Die Sonne hatte sich schon beim Start um kurz vor 10 Uhr wieder hinter den Wolken versteckt. Nur hin und wieder lässt sie sich noch blicken. Gegenwind, es ist kalt (so 10 Grad) und dann sind meine Beine auch noch müde. Ich ziehe die Notbremse und fahre zur Mittagszeit einen großen Freizeitpark an. In dem angeschlossenen Restaurant esse ich gerade (sehr gut) und versuche, durch eine größere, unplanmäßige Pause mögliche Kraftreserven zu locken. Ich muss ziemlich verkühlt aussehen, denn die Bedienung hat ohne viele Worte einen Platz direkt am brennenden Kamin für mich fertig gemacht. Die bisherige Durchschnittsgeschwindigkeit: 12 km/h (bei einigen leichten Steigungen musste ich sogar schieben)……Asche über mein Haupt. Im Navigationshandy hatte ich das Hotel in Zwolle eingegeben. Shit, der kürzeste Weg führt nicht entlang der Ijssel und den Hansestädten, sondern liegt weiter westlich. Shit, bevor ich das gemerkt habe, befinde ich mich weit außerhalb der geplanten Hanseroute. Also wird das Handy umprogrammiert, erst einmal auf Zutphen, wo ich gestern Nachmittag schon einmal war. Jetzt sind es zu Mittag noch 25 km bis Zuphten. Nachher werde ich mir bei Google maps mal anschauen, wie weit der Umweg war. Was bin ich nur für ein Schussel! (Nachtrag: 1 Stunde später bin ich wieder 14 KM von Arnhem entfernt. Umweg ziemlich genau 20 km. Gut, dass ich gestern schon in Zutphen war. Ich fahre jetzt seitlich daran vorbei auf die Hansestadt Deventer zu)
Was mich verwundert sind die großen Waldgebiete, durch die ich in der Provinz Gelderland fahre. Buchen-, Kiefer-, Eichen und Mischwaldgebiete sind sehr abwechslungsreich. Bisher dachte ich immer, in den Niederlanden gäbe es nur Tulpen, gasbeheizte Treibhäuser mit Wassertomaten auf getränkter Watte, überjauchte Wiesen mit glücklichen Kühen, Meulen (Windmühlen), Grachten, tolle Senioren- und Behinderteneinrichtungen, begnadete Fußballspieler (die nie Weltmeister werden), Grolsch- und Jenever-Häuser, Coffeeshops, die besten Pommes, frische Matjes, Käse, und lauter blonde Antjes. Mit einer schönen Waldidylle hatte ich nicht gerechnet. Auf einer kleinen Lichtung stand ein kapitaler Hirsch mit einem riesigen Geweih. Bevor ich meinen Fotoapparat gezückt hatte, war dieses schöne Motiv leider im Unterholz verschwunden.
Die Niederländer haben.....
die besten Pommes, seit die Erdäpfel von Amerika nach Europa kamen
Ich bin spät dran und nehme nur wenige Eindrücke von Deventer mit.
Kirche von Deventer
20 Kilometer vor Zwolle lässt die Kraft so nach, dass ich mich entschließe, das Abendessen etwas frühzeitiger einzunehmen. Im Eethuis gibt es eine Tagessuppe (Tomaten) und eine Riesenportion Spaghetti Bolognese. 2 Stunden später gegen 20 Uhr erreiche ich abgekämpft Zwolle, aber damit war der Tag für mich noch lange nicht vorüber. Im Zentrum von Zwolle zeigt mir das Handy noch 8 Kilometer bis zu meiner Unterkunft an. Im Zickzack führt mich der Weg weiter zum Hasselterdijk und genau an der Grenze zwischen den Hansestädten Zwolle und Hasselt befinden sich 4 oder 5 Häuser am Deich, darunter auch meine vermeintliche Unterkunft. Es ist 20:30 Uhr und niemand zu Hause. Da das Umfeld für mich auch nicht gerade einen schönen Eindruck macht (vorsichtig ausgedrückt), fahre ich die sieben Kilometer bis Hasselt weiter. Direkt vor Hasselt macht der dritte Akku meines Handys schlapp. Dann die nächste Überraschung in Hasselt. Diese Hansestadt ist von der Größe her eher ein Dorf, als eine Stadt. Ich frage nach einem Hotel und werde zum einzigen Restaurant des Ortes verwiesen. Dort sollen auch Zimmer vermietet werden. Das Restaurant hat heute geschlossen und wie ich später erfahre, gibt es dort auch keine Zimmer. Ich fahre zu einem kleinen Imbiss. Mittlerweile ist es 21:30 Uhr. Dort werde zu einer Kneipe geschickt, die von jungen Leuten betrieben wird und ziemlich voll ist. Die dortigen Zimmer sind erst in einer Woche fertig, aber ich solle es mal 200 Meter entfernt versuchen, dort sei eine „Bed-and-Breakfast-Pension“. Diese Pension hat in dieser Woche geschlossen. Es wird dunkel. ….wieder zurück zum Imbiss (Hier werden Sie geholfen). Es wird schwierig, aber es soll angeblich in Hasselt eine nette Dame geben, die Zimmer für Radfahrer vermietet. Am Telefon ist sie nicht zu erreichen, aber das Besetztzeichen scheint mir besser, als das Freizeichen zu sein. Also wieder aufs Rad und die letzten 500 Meter bis zu dieser Pension. Vor dem Haus deutet nichts auf eine Pension hin, aber es brennt noch Licht (und das Telefon war ja besetzt). Also entschließe ich mich gegen 22:00 Uhr unhöflich zu sein und bei fremden Leuten zu schellen. Dann die Überraschung: eine tolle Unterkunft. Ich habe nach dem Duschen mit der netten Dame und einem weiteren Gast (der in der Nähe arbeitet) noch eine Stunde im Wohnzimmer zusammen gesessen. Im Fernseher lief nonstop die Panik in Amsterdam, die gegen 20:00 Uhr ausgebrochen war und mit schlimmen Folgen eigentlich nur drei Minuten gedauert hat. Und jetzt kommts: Für die Übernachtung mit tollem Frühstück und drei kleinen Flaschen Bier zahle ich lediglich 25 Euro. Dankeschön!! (Hasselt, Baangracht 12) Ich habe mich erst spät in Deutschland melden können und wie ich hörte, hat man sich dort schon Sorgen gemacht. Es ist abgesprochen, dass ich mich jeden Abend per SMS melde, wenn ich eine Unterkunft gefunden habe. Wie ich später hörte, hat es schon Telefonate mit dem Künstler Jan Hulsebos gegeben, der mich zur Not abgeholt hätte und bei dem ich im Notfall auch hätte übernachten können. Das war mir alles nicht bekannt und innerlich hatte ich mich fast schon auf eine Nachtfahrt bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt eingestellt. Dann der Tipp aus der Heimat: „Lass es langsam angehen und eigentlich reichen auch 48 Hansestädte, es müssen doch nicht unbedingt 50 sein.“ Na ja, das deute ich etwas um. Ich könnte theoretisch auf ca. 55 Hansestädte kommen, aber 50 tun es auch. Hansestädte, die ich nur auf Umwegen erreichen kann, werde ich auslassen, es sei denn, die Städte haben aufgrund des Hansebriefes aus Februar etwas geplant. Durch Auslassen der Hansestädte Fürstenau/Haselünne habe ich schon 40/60 Kilometer gespart und falls ich aus Stade nichts höre, wäre das eine weitere Ersparnis von 60 Kilometern.
Es ist wieder kurz vor Mitternacht, als ich ins Bett komme.
Fazit: Wetter: kalt, zum Nachmittag hin aber etwas sonniger, starker Gegenwind, der besonders auf dem Deich eine größere Geschwindigkeit nicht zulässt (um schneller zu sein, hätte ich wohl doch mal trainieren müssen) Ich habe am Nachmittag, als die Sonne durchkam, einige schöne Bilder machen können. Die Zeit zum Fotografieren nehme ich mir, auch wenn ich dadurch weitere Zeit verliere. Schließlich mache ich meinen Jahres-Erholungsurlaub und befinde mich nicht auf der Flucht! 110 Kilometer und eine Durchschnittsgeschwindigkeit von lediglich 13 km/h
Ich kann schlecht einschlafen. Mein Hüftgelenk schmerzt, egal ob ich auf einer Seite, auf dem Rücken, oder auf dem Bauch versuche einzuschlafen…..aber ich werde in der Nacht nur einmal wach und nach der 5. Tasse Kaffee bin ich jetzt (8:50 Uhr) wieder halbwegs fit. Bis vor einer Stunde war der Himmel blau, aktuell verdecken wieder Wolken die Sonne.
05.04.2010 Eine Unterkunft in Zwolle ist gefunden. Die Anschrift "Hasselterdijk" weist schon auf eine weitere Hansestadt hin. Die Pension heißt Theetuin Stadsland und das EZ kostet 35,50 Euro (Ü/F)
03.01.2010 ...... Vorwort An der Ijssel liegen die Hansestädte wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Höhepunkt am 04.05. wird ein Besuch Zwolles sein. In Zwolle wurde die "Internationale Hanse" der Neuzeit im Jahre 1980 ins Leben gerufen. Hauptstadt der Hanse kann natürlich nur Lübeck sein und so wird mich diese Tour auch in wenigen Tagen nach Lübeck führen. In Lübeck war ich erst zweimal. In den 80iger-Jahren war ich Leiter einer Jugendfreizeit in Plön und ich kann mich noch an einen Tagesausflug nach Lübeck und Umgebung erinnern. 1995 auf einer kleineren Radtour durch Deutschland (Cottbus-Stralsund-Flensburg-Hamburg-Bremen-OWL) bin ich auch durch Lübeck gefahren. An diesen Urlaub habe ich nur noch die Erinnerung, dass ich für die 1500 km knapp vierzehn Tage gebraucht habe und das Wetter absolut grauenhaft war. Es gab nur einen trockenen Tag und es war für die Jahreszeit (Pfingsten) sehr kühl. Damals war ich noch mit einem Zelt unterwegs. Ich hoffe, dass 15 Jahre später das Wetter mitspielt. Seit 2006 bleibt mein Zelt ja sowieso zu Hause und ich nutze Pensionen, Hotels, Jugendherbergen u.ä.